Mittwoch, 4. September 2013

Ein Schamane lernt Deutsch




Myingmar, der Schamane (Foto: Pokorny)

Myingmar war der erste waschechte Schamane, den ich  zu Beginn meiner Lehrgänge im Shamanistic Studies & Research Centre in der Nähe von Kathmandu kennen lernen durfte. Er gehörte dem buddhistischen Volk der Sherpas an und lebte im Osten von Nepal, wo er immer neue und neue Generationen von Schamanen ausbildete.

In Nepal ist die moderne medizinische Versorgung äußerst knapp. Anstelle von Ärzten heilen in den Bergdörfern die Schamanen mit ihren heiligen Gesängen (Mantras) und Zeremonien. Sie nehmen geistigen Kontakt mit verschiedenen Geistern und Wesen  auf, mit deren Hilfe sie auf die Gesundheit der Kranken einwirken wollen.  







Bei einer Zeremonie
Im ersten Moment erscheint die schamanische  Heilungsmethode wie ein "Hokuspokus". Myingmar aber, wenn er im Haus des Shamanic Studies & Research Center schamanisierte, führte uns ausländische Interessierte sehr detalliert in  seine  Methode ein. Mit Hilfe der Übersetzungen des Leiters des Hauses, Mohan Rai, aus der Sherpa Sprache ins Englische verwandelte sich der vermeintliche "Hokuspokus" in eine außergewöhnliche Lehre. 


Myingmar unterrichtete die aus Japan, Österreich, den USA, Deutschland usw. angereisten Gruppenteilnehmer in  heiligen Gesängen, Trommeln auf Dhyangro, Ritualen für  Ahnen- und Wassergeister, schamanischen Reisen, Verehrung der Natur und der Seele aller Lebewesen.

Katalin und Myingmar tanzen im Shivapuri Park
Er war ein außergewöhnlicher Mensch.
Er hatte nie schreiben gelernt, aber sein Geist
war hell. Oft hörte er uns Ausländern zu
und versuchte, uns wenigstens ein bißchen
zu verstehen.
Es gab eine deutsche Redewendung,
die er sehr häufig von uns gehört hatte:
"Ach soooo !". Anscheinend gebrauchten
wir diese Worte  so oft, dass er eines Tages -
er hatte gerade gehört, dass  wir in Europa
nicht die ersten Tropfen unserer Getränke
den Geistern widmen müssen - laut ausrief:
"Ach soooo !"






Er hatte viele Kinder und Enkelkinder, die ihn sehr achteten und liebten. Er pendelte regelmäßig zwischen Kathmandu und seinem Dorf. Manchmal dauerte der Weg mehrere Tage, weil damals noch die maoistischen Rebellen oft den Weg versperrten oder - noch schlimmer - von den Reisenden Schutzgelder abverlangten. Wehe dem, der kein Schutzgeld zahlen konnte! Die Maoisten erschossen damals Menschen an der Stelle. So war Myingmar dauernd in Gefahr. Aber er verdiente in Kathmandu gutes Geld, das er unmittelbar seiner Familie und sogar seinem ganzen Dorf zukommen lassen wollte. Er war der einzige im Dorf, der Geld verdiente.

Mit ihm und der Schamanin Maile Lama durfte ich einige Tage mit schamanischer Arbeit in einer Höhle im Shivapuri Park im Norden von Kathmandu auf etwa 2200 Meter Höhe verbringen. Mit uns stiegen  noch einige weitere Mitglieder unserer ausländischen Gruppe die steilen Wege hinauf. Oben angekommen lehrte uns Myingmar heilige Mantras, eine Heilungszeremonie für Schmerzzustände und eine besondere Meditation, die in der völligen Dunkelheit ausgeübt werden sollte.

Nachts durften wir die Höhle nicht verlassen, da in der Nähe hungrige Leoparden lauerten, die einige Tage zuvor eine französische Journalistin in Teile gerissen hatten.
Ein kleines, in einer Ecke der Höhle in die Felswand geschlagenes Loch diente als Abort. Wenn wir in der stillen Dunkelheit meditierten, hörten wir die Tausendfüßler und andere Insekten herumkriechen. Wie gut, dass ich erst später erfuhr, dass einige dieser Tiere wirklich giftig waren. Ansonsten hätte ich wohl vor lauter Angst kein Auge schließen können.

Versorgt wurden wir dort aus der Klosterküche der Nagi Gompa, eines buddhistischen Klosters. Wir erhielten täglich eine warme Mahlzeit und reichlich Tee. Mit Händen und Füßen machten wir Myingmar verständlich, dass wir in Europa täglich drei Mahlzeiten zu uns nehmen. Er war überrascht und sagte erneut : " Ach soooo !", wobei er - wie so oft - freundlich und herzhaft lachte.

 Trommel im Gebetsraum des Klosters Nagi Gompa


Gleichwohl war er nicht nur ein Engel. Wie fast alle Männer in Nepal, hatte er die unangenehme Gewohnheit, häufig zu spucken. In der Höhle gab es deshalb zahlreiche feuchte Flecken am Boden. Als ihn  die Schamanin Maile deswegen tadelte,  verstand er zwar nicht, weshalb er nicht mehr herumspucken dürfen sollte, spuckte aber von da an nur noch über die Mauer vor der Höhle in die Tiefe.



Auf Mailes Bitte, die Flecken vom Boden aufzuwischen, antwortete er kurz angebunden, das sei doch keine Arbeit für Männer.



Myingmar in seinem Dorf (Aufnahme: Pokorny)
Ungeachtet dessen war er ein liebenswerter Mensch. Wir alle schlossen ihn ins Herz. Einmal, als er mit mir tanzte und dabei ein heiteres Volkslied sang, schenkte ich ihm ein kleines Fläschchen ungarischen Schnaps, den er auf der Stelle restlos austrank.

Er war stets herzlich, dennoch streng und ernst. Kurze Zeit später starb er durch einen "Schamanenunfall". Aus seiner Umgebung hörte ich,  er habe mit einem mächtigen Naturgeist um einen Kranken gefeilscht und der Geist habe von ihm  Opfergaben verlangt. Angeblich habe er versäumt, die Opfergaben rechtzeitig darzubieten. Deshalb habe  Myingmar zur Strafe sterben müssen. 



Wir in Europa würden sagen, er fiel einem Hirnschlag zum Opfer. Auf einem Felsen in den Bergen brach er zusammen. Im Alter von nur 60 Jahren nahm er Abschied vom Leben.


1 Kommentar:

  1. Ein gelungener Artikel das muss ich wirklich mal an dieser Stelle sagen. Hervorragende Fotos runden diesen Artikel zusätzlich ab. Bin begeistert.

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